Vom Königstein zur Königspfalz

Der Wilde Weg
Wege Deutscher Kaiser und Könige des Mittelalters im Harz
 
Anlässlich des 96. Deutschen Wandertages in Wernigerode wurde die Idee eines Geschichtslehrpfades geboren, die in den folgenden Jahren ihre Realisierung in Form des weit gespannten Netzes der „Wege Deutscher Kaiser und Könige des Mittelalters im Harz“ fand. An der Realisierung war maßgeblich der Harzklub e. V. mit seinen Zweigvereinen beteiligt. Einer regionalen Arbeitsgruppe gehörten als ständige Mitglieder an: HEINZ A. BEHRENS, BERND HANKE, DITTMAR MARQUORDT, MANFRED MITTELSTAEDT und GÜNTER HERLITZ. Die Wege wurden mit Wegmarken gekennzeichnet, an ausgewählten Punkten Informationstafeln errichtet. Die Wegemarken zeigen die stilisierte Krone OTTO I. aus dem Jahr 962. Begleitend wurden eine erste Karte und eine Broschüre mit Wegbeschreibungen und historischen Erläuterungen sowie Informationen zur Geschichte des Mittelalters vom 9. bis 12. Jh. aufgelegt (ISBN 3-933494-57-5). Bei Recherchen für das hier vorliegende Faltblatt haben wir verschiedene Wanderkarten getestet und können der offiziellen Karte des Harzklubs „Wandern im Harz“ (ISBN 3-89435-669-3) die größte Übereinstimmung zwischen Karte und beschilderter Wegführung bescheinigen. Broschüre und Karte sind im Buchhandel erhältlich. Mit dem Faltblatt, dass Sie nun in den Händen halten, möchte der Regionalverband Harz als Träger der Naturparke im Harz Lust machen auf Bewegung und Entdeckungen in der Harzer Natur. Lassen Sie sich „verführen“!

Bis KARL DER GROSSE im Jahr 780 das Gebiet am Harz eroberte, verehrten die hier lebenden heidnischen Ostsachsen noch ihre eigenen Götter. Der Liudolfinger HEINRICH I. (um 876-936) war seit 912 ihr Herzog. Er wurde 919 von den Großen, den Führern der Franken und der Sachsen, zum ostfränkischen König gewählt, lehnte aber als einziger König seiner Zeit noch die kirchliche Salbung ab. Der Sage nach überbrachte man ihm die Kunde seiner Wahl während des Vogelfangs am Schlossberg Quedlinburg; eine andere Sage nennt als Ort des Geschehens die frühmittelalterliche Burg auf dem Rotenberg bei Pöhlde südlich des Harzes. Sein erster Sohn, der spätere Kaiser des Heiligen Römischen Reiches OTTO I., wurde 912 in Wallhausen geboren. Dort begann einer der ersten urkundlich belegten Wege durch die dichten Wälder: der "Willianwech" oder "Wilde Weg". Er führte über das im Jahr 992 erstmals als "Cuninggarod" erwähnte Königerode nach Meisdorf am Nordharzrand.

Eine andere Nord-Süd Querung des Harzes war der im Jahr 1014 als "semita quae dicitur Heidhenstieg" urkundlich erwähnte Heidenstieg, der Goslar und Nordhausen verband. Er ist heute streckenweise identisch mit dem "Kaiserweg", den der Regionalverband Harz 2006 in einem ersten Faltblatt seiner königsblauen Serie beschrieben hat. Das Kaiserwegfalt-blatt begleitet Sie von Bad Harzburg über Nordhausen bis zur Königspfalz Tilleda. Diese südwestlich von Wallhausen gelegene Königspfalz wird nun Ziel oder auch Ausgangspunkt der Wanderung über den Harz sein, die am Königstein bei Westerhausen nordwestlich von Quedlinburg endet oder eben beginnt und nachfolgend beschrieben ist.
 
„Wege Deutscher Kaiser und Könige des Mittelalters“ haben wir in Anführungszeichen gesetzt, weil die als solche ausgeschilderten Wanderrouten nicht tatsächlich dem Verlauf der mittelalterlichen Wege folgen. So folgt auch der hier beschriebene Weg „Vom Königstein zur Königspfalz“ nicht dem „Wilden Weg“. Die Wanderrouten verbinden jedoch authentische Orte des historischen Geschehens in der Harzregion, einer Region, die wegen ihres Rohstoffreichtums lange Zeit im Mittelpunkt des Interesses der Herrschenden stand.
 
 
 
Der Sonne entgegen
 
Wir entschließen uns, der Sonne entgegen zu gehen, und beginnen unsere Harzquerung im Norden. Die neu gebaute vierspurige Bundesstraße B6n kreuzt zwischen dem Blanken-burger Ortsteil Börnecke und Wester-hausen nicht nur einen der "Wege Deutscher Kaiser und Könige", son-dern auch einen traditionellen Wild-wechsel auf dem Kamm des Jätchen-berges. An Wildschwein, Reh und Hase wurde gedacht und eine Wildbrücke errichtet, nicht aber an den Wanderer, den es von Börnecke aus nach Osten zieht. Wir beginnen unsere Wanderung deshalb dort, wo der Hohlweg zwischen Jätchenberg und Königstein an einem Acker endet, wo der "Weg Deutscher Kaiser und Könige" einfach umgepflügt wurde. An unserem Startpunkt entdecken wir einen Stein, der an die schwere Zeit während der Weltwirtschaftskrise erinnert. Wir sind dankbar, dass uns heute keine Not plagt, wir stattdessen aus reiner Lebensfreude zu einer Wanderung über den Harz aufbrechen können! Der Königstein (190 m ü. NN) wird wegen seiner Form im Volksmund auch "Kamelfelsen" genannt. Er markiert einen alten germanischen Kultplatz, an dessen Ostseite Wintersonnen-wendfeiern stattfanden. Unseren Weg nach Westerhausen hinein weist uns die weithin sichtbare Friedhofskapelle. Westerhausen selbst ist ein zweigeteiltes Dorf, getrennt durch das Feuchtgebiet des Zapfenbaches. Eine einstmals wichtige Furt wurde durch eine mittelalterliche Wasserburg geschützt. Am südwestlichen Orts-rand betreibt die Gemeinde heute einen kleinen Zoo. Von dort führt unser Weg weiter durch die Westerhäuser Berge. Am südlichen Waldrand überschreiten wir die 200 Meter-Höhenlinie. Es tut sich ein wunderbarer Blick zum Harzrand auf. Landmarken unseres weiteren Weges werden sichtbar: südöstlich die Teufelsmauer, im Süden der Ramberg (581 m ü. NN) und im Südwesten die deutliche Einkerbung der Bodetalschlucht. Begleitet vom Gesang der Feldlerchen wandern wir durch die Flur nach Warnstedt, durch das Dorf zum südwestlichen Ortsrand und von dort auf den Höhenzug der Teufelsmauer. Wer sich nicht für einen Abstecher zur Winzenburg entscheidet, folgt dem Höhenzug der Teufelsmauer in südöstlicher Richtung. Auch dort gibt es Königsteine: die markante Felsgruppe süd-lich von Weddersleben.
Entfernung: Königsteine 8 km
 
 
 
Mit Seilbahn und HEX
 
Wir wollen nichts verpassen, machen uns also von Warnstedt aus auf in Richtung Thale. Die Teufelsmauer lassen wir erst einmal links liegen und wandern weiter nach Süden. Wir erreichen eine Kleingartenanlage, wo unser Königsweg zunächst im rechten Winkel nach Osten führt, ehe es hinunter in die Stadt Thale geht. Genauer gesagt geht es hinunter in den Stadteil Wendhusen. Dort befand sich schon im 9. Jh. ein Siedlungskern mit Burg (825-1540 Benediktinerinnen-Kloster). Ein Mythenweg durch Thale erinnert aber mit vielen Figurengruppen an vorchristliche Zeiten. So entdecken wir beispielsweise am neuen Rathaus den "Brunnen der Weisheit" mit dem einäugigen Götterkönig Wotan. Autofahrern weist "Thalix" am Ende der Brückenstraße den weiteren Weg durch Steinbachstraße und Bahnhofstraße zum Parkplatz der Seilbahnen Thale. Hier geht es weiter auf dem Goetheweg hinein ins Naturschutzgebiet "Bodetal", vorbei an den Talstationen von Sessellift und Seilbahn bis zum Abzweig Präsidentenweg, diesen hinauf zum Hotel Roßtrappe, von wo wir der Beschilderung zu den nahe gelegenen Wallanlagen der vorgeschichtlichen Winzenburg folgen. Ihr wird noch während der Zeit der Ungarnkriege unter HEINRICH I. und seinem Sohn OTTO DEM GROSSEN (912-973) eine Bedeutung zugeschrie-ben. Näheres erfahren wir auf einer Informationstafel, auch dass die Roß-trappe - ein mögliches Opferbecken - in die Anlage einbezogen war. Wer nun nicht auf demselben Weg zurück möchte, der kann über die Schurre hinab zum idyllischen Gasthof "Königsruhe" wandern. Die bequemere Variante mit herrlichen Ausblicken ist natürlich die Fahrt mit dem Sessellift. Vom Bahnhof Thale aus empfehlen wir mit einem der stündlich verkehrenden modernen Zügen des HarzElbeExpresses (HEX) nach Neinstedt zu fahren, um dort wieder die Hauptroute der geplanten Harzüberquerung zu erreichen.Alternativ wandern wir von Thale zurück bis zum Mühlen-berg, dort hinab zum nördlichen Bodeufer und flussabwärts bis zur "Alten Furth" (Friedensbrücke) zwischen Weddersleben und Neinstedt, wo auch diejenigen die Bode querten, die vor uns auf dem "Weg Deutscher Kaiser und Könige" wanderten, ohne einen Abstecher zur Winzenburg zu unternehmen.
Abstecher zur Winzenburg ca. 5 km
 
 
 
An den Harzrand
 
Ob mit dem HarzElbeExpress oder zu Fuß, unser nächstes Ziel ist Neinstedt. Durch die verträumte Gasse "Am Brunnen" ersteigen wir über eine Treppe den Kirch- oder Leunberg. Die Kirche St. Katharinen ist augenscheinlich romanischen Ursprungs. Sie wurde in den Jahren 1997-2005 in verschiedenen Bauabschnitten saniert. Bemerkenswert ist der links des Kircheneingangs eingemauerte Findling. Er diente wohl schon in Zeiten vor der fränkischen Landnahme heidnischen Gerichts- und Kultzwecken ehe hier auf dem Leunberg die kleine Kirche bewusst am alten Heiligtum errichtet wurde, um die Bekehrung zu dem einen Gott der Christen mit Hilfe der Macht der Gewohnheit zu erleichtern (vgl. PETERS & BÜRGER 2006). Weiter geht's in südliche Richtung durch Steuerstraße und Siedlung nach Stecklen-berg. Kleine Felder und vor allem Streuobst-wiesen prägen das Bild. Die kalkhaltigen Böden und das Kleinklima sind besonders für den Anbau von Süßkirschen geeignet. Von den Hängen kann die Kaltluft in das Wurmbachtal abfließen, so dass Spätfröste der Kirschblüte kaum gefährlich werden. Im Jahr 2000 hat Stecklenberg den Naturparkpreis Harz gewonnen, der zum Thema "Die Kirche und ihr Umfeld" ausgelobt war. Kirchgarten und Kurpark sind deshalb unser erstes Ziel. Wunderschön blühen dort im Sommer die Dahlien. Kinder können auf einer Riesenrutsche den Burg-berg der Stecklenburg hinunterrutschen. Besonderer Blick-fang ist jedoch das zum Kirschblütenfest 1999 eingeweihte Modell der Lauenburg. Im Maßstab 1:20 ermöglicht es uns eine Vorstellung von der einstmals größten Burganlage der gesamten Harzregion. Die Lauenburg war eine salische Reichsburg, die wohl unter HEINRICH IV. (1050-1106) erbaut wurde. Neugierig geworden suchen wir den Weg hinauf auf den Burgberg. Der steile Burgsteig beginnt am östlichen Ende des Kurparks und führt uns vorbei an einer um eine alte Eiche errichtete Aussichtsplattform und vorbei an der Ruine der Stecklenburg (250 m ü. NN). Die Stecklenburg wurde wahrschein-lich um 1100 in das Gelände einer frühmittelalterlichen Wallburg hin-eingebaut. 1311 erhielt sie die anhaltische Adelsfamilie VON HOYM als erbliches Mannlehen, 1713 verkauften die Herren VON HOYM die schon stark verfallene Burg an den preußischen König. Ein Thalenser Forstmeister hat sich Mitte des 19. Jh. um den Erhalt der eindrucksvollen Ruine verdient gemacht.
Zur Lauenburg ca. 5 km
 
 
 
Brunnentour
 
Auf dem Weg von der Stecklenburg zur Lauenburg weist die Beschilderung der „Wege Deutscher Kaiser und Könige“ in drei Richtungen: zurück zur Stecklenburg, hinauf zur Lauenburg oder hinab zur Calciumquelle. Wir wagen den Abstecher und steigen hin-ab zum Brunnen der Calciumquelle. Verschiedene Wanderkarten ver-zeichnen von dort einen Abstecher der „Wege Deutscher Kaiser und Könige“ über Bad Suderode zur Stiftskirche Gernrode. Leider gibt es verschiedene Routendarstellungen. Wegmarken mit der Krone suchen wir weitgehend vergebens. Wir empfehlen daher, von der Calciumquelle zunächst Richtung Stecklenberg zu gehen, an der Suderöder Straße angekommen - auf dieser 100 m nach rechts zu laufen, um dann - der Beschilderung Richtung Bad Suderode folgend - durch die Eichen- und Buchenwälder des Harzrandes zu spazieren. Am Abzweig des Wanderwegs von der Suderöder Straße weist ein Granit-stein den Weg. In Bad Suderode ange-kommen, folgen wir dort der Grünstraße bis zur Einmündung Tempelstraße und gehen nach rechts weiter in Richtung Kurzentrum. In der Tempelstraße bietet ein weiterer Brunnen Erfrischung und einen Blick zum Kalksteinsteinbruch am Bückeberg (Geopark 15 LM 3). Wer durstig ist, der sollte noch einmal reichlich trinken, denn der dritte Brunnen auf unserem Abstecher schüttet stark salzhaltiges Heilwasser! Es ist der Behringer Brunnen am Kurzentrum. Er zählt zu den stärksten Calciumquellen Europas. Heilwirkung wird dem Quellwasser insbeson-dere bei Knochenleiden, Rücken-, Kreislauf- und Atem-wegserkrankungen zugeschrieben. Ganz in der Nähe des Brunnens beginnt am Rande des Kurparks der Panoramaweg Richtung Gernrode. Von ihm haben wir bald einen wun-dervollen Blick auf die Stadt Gernrode mit der Stiftskirche St. Cyriakus. Für weitere Informationen empfehlen wir das Falt-blatt „Im Zeichen des Hähers: Zwischen Burg Anhalt und Quedlinburg“ aus unserer Serie „Natur erleben an der Straße der Romanik“.
Abstecher zur Stiftskirche Gernrode ca. 5km
 
 
 
Zum Höhepunkt
 
Von der Lauenburg sind insbesondere von der höher gele-genen Vorburg bedeutende Mauerreste erhalten geblieben. Hier finden wir auch die Stempelstelle Nr. 187 der Harzer Wandernadel (www.harzerwandernadel.de). Wir folgen nun dem Weg Nr. 45c in Richtung Friedrichsbrunn, um bereits nach 200 m auf den schmalen Fußweg hinauf zum Wolfs-bergblick (350 m ü. NN) abzuzweigen. Am Aussichtspunkt angekommen, eröffnet sich uns ein wunderbarer Blick über die Ruine Stecklenburg hinweg bis weit hinaus ins nördliche Harzvorland: Im Norden die Teufelsmauer, und bei klarer Sicht am Horizont von W nach E die Höhenzüge des Großen Fallstein, des Huy und des Hakel. Besonders markant fällt halblinks der Hoppelberg bei Langenstein ins Auge. Gleich kommen wir wieder auf einen befahrbaren Forstweg und halten uns rechts. Es geht wieder zum Hauptwanderweg 45c und auf diesem weiter bis zur Kreuzung des Roten Steiger, der alten Friedrichsbrunner Straße. Dort bietet die Schutzhütte an der Bormannswiese angenehme Rast. Sonnige Wege führen nun weiter den Ramberg hinauf. Dort, wo wir die L239 – die neue Friedrichsbrunner Straße – queren, müssen wir nicht nur wegen des Verkehrs achtsam sein: unser Wanderweg verspringt auf der anderen Straßenseite etwas nach rechts! An Wegrändern und aufgelichteten Stellen setzen immer wieder Weidenröschen und Roter Finger-hut hübsche Farbtupfer. Am Rande von Fried-richsbrunn – nun schon am höchsten Punkt unserer Harzquerung angelangt (586 m ü. NN) – bietet die „Ramberg-Hütte“ Schutz. Das nächste Ziel mit Einkehrmöglichkeit ist die Blockhaussiedlung des Ferienparks Merkelbach. Hier gabelt sich das Netz der „Wege Deutscher Kaiser und Könige“: eine Route folgt der Beckstraße vorbei an der Ruine der Erichsburg über den ehemaligen Königshof Siptenfelde nach Königshütte. Ihre Beschreibung bleibt einem weiteren Faltblatt der königsblauen Serie vorbehalten. Wir wenden uns dem Erichsburger Teich zu und wandern hinab ins wunderschöne Selketal, bemerken Stollenmundlöcher und Wälle eines alten Teichsystems als Zeugnisse des einstmals hier umgehenden Bergbaus
(Geopark 10). Am Unterlauf des Friedens-baches hilft uns eine Informationstafel, Spuren eiserner Wagenräder im Bachbett zu entdecken. Dort wo der Friedensbach dann in die Selke mündet, befand sich mit Hagenrode eine der ältesten Siedlungen im Unterharz. Schon 993 erhielt das Kloster Nienburg von OTTO III. (980-1002) das Recht, in Hagenrode einen Markt und eine Münzstätte zu errichten. Dorf und Kloster wurden im Bauernkrieg zerstört.
Spurensuche zwischen Ramberg und Selketal ca. 8km
 
 
 
Über die Harzhochfläche
 
Schon am Ramberg bei Friedrichsbrunn war uns ein histo-rischer Grenzstein aufgefallen. Er markierte die Grenze des Fürstentums Anhalt. Den anhaltischen Fürsten gehörten seit der Reformation auch die Ländereien des früheren Klosters Hagenrode. Zur Entwässerung der Harzgeröder Silber-bergwerke wurde in der Nähe ein Stollen in den Berg getrieben. Das schwefelhaltige Grubenwasser nutzte man 1768 erstmals für Kuren, doch zunächst konnte sich der Badebetrieb nicht dauerhaft etablieren. Erst der Leibarzt des Herzogs ALEXIUS FRIEDRICH CHRISTIAN VON ANHALT-BERNBURG (1767-1834) untersuchte das Wasser erneut. Er war von dessen Heilkraft überzeugt. Der Kurbetrieb lebte wieder auf, und 1810 wurde das Stahlbad errichtet. Ein Kurhaus mit Nebengebäuden, Spielbank und einige Gasthäuser kamen hinzu, und so war Alexisbad gegründet! Alljährlich zu seinem Geburtstag am 12. Juni versammelte der Herzog hier eine große Fest-gesellschaft und ließ sie fürstlich bewirten. Herzog ALEXIUS war übrigens auch der Gründer des auf seinerzeit preußischem Gebiet liegenden „Beringer Bades“, das wir bereits auf der Brunnentour zur Stiftskirche Gern-rode kennen lernten! Am Kaffee „Felsterrasse“ Alexisbad entdecken wir ein Modell der Stamm-burg der Askanier, der Burg Anhalt. Aus einem Wirrwarr von Wegen am gegenüberliegenden Hang des Selketals, die zu allerlei Attraktionen (Kapelle, Birkenhäuschen, Verlobungs-urne, Luisentempel, Pioniertunnel…) führen, müssen wir nun den rechten Weg herausfinden. Wir überqueren die Brücke, halten uns rechts, wählen weder den parallel zur Selke verlaufenden Weg, noch den zum Luisentempel, sondern steigen auf der „Rodelbahn“ hinauf auf die Harz-geroder Hochfläche. Oben angekom-men, bleiben wir im Schatten der nach rechts abzweigenden Allee und entdecken bald das Natur-denkmal „Trompel“ (Landmarke 10). Auf verschiedene Sehenswürdigkeiten und Attraktionen der früheren Residenzstadt des 1635-1709 eigenständigen Fürstentums Anhalt-Bernburg-Harzgerode wurden wir bereits auf einer Informationstafel am „Selketalstieg“ hingewiesen, der die Rodelbahn im Verlauf des Klippenweges kreuzte. Zu den Attraktionen gehört auch das 1999 neu erbaute Erlebnisbad „Albertine“. Von den dort in südliche Richtungen führenden Wegen wählen wir den linken durch die Felder (Richtung Stahlquelle Neudorf). Am Wegehaus queren wir die L235 und wandern nach Dankerode. Dort wo unser Weg und die K2351 über die Schmale Wipper führen, verlassen wir das ehemalige Herzogtum Anhalt.
Durch den anhaltischen Harz ca. 8 km
 
 
 
In den Südharz
Von Grafschaft zu Grafschaft
 
Versetzen wir uns gedanklich zurück in die Zeit des Mittelalters, so sind wir nun in der Grafschaft Mansfeld angelangt. Kaiser HEINRICH IV. ernannte 1079 die Mansfelder in Nachfolge der aufrührerischen Wettiner zu Gaugrafen. Als allerdings am 31. März 1780 Graf JOSEF WENZEL NEPOMUK VON MANSFELD-VORDERORT-BORNSTEDT als letzter Mansfelder Graf mit der Kutsche tödlich verunglückte, fielen sämtliche Lehen der Mansfelder an die Lehnsherren zurück: an Kur-sachsen bzw. Preußen (in „Rechtsnachfolge“ des Erzbistums Magdeburg). Der erste Ort, den wir im Mansfeldischen erreichen, ist Dankerode. Der 800-Seelenort wurde im Jahr 992 erstmals urkundlich erwähnt und ist heute staatlich aner-kannter Erholungsort. In der Ortsmitte lädt der kleine Marktplatz mit Brunnen und Landgasthaus „Jägerstube“ zum Verweilen ein. Kommen wir dort mit Einheimischen ins Gespräch, so fällt uns auf, dass wir auch eine Sprachgrenze überschritten haben! „Kuhtor“, „Hinterdorf“ und „Marktal“ heißen die Straßen, die uns wieder aus dem Ort hinein in die Wälder des Harzes und hinunter ins Tal der Wipper führen, dort vorbei an den Gebäuden der alten Marktalsmühle und dann einen sanften Anstieg hinauf nach Hilkenschwende. Auch dieses Vorwerk gehörte zur Grafschaft Mansfeld. Hilkenschwende ist heute unbewohnt, einige Gebäudereste verleihen dem Flecken jedoch eine ganz eigene Atmosphäre. Der auf „–schwende“ endende Ortsname deutet übrigens darauf hin, dass in der Gegend Ackerbau betrieben wurde, ohne den hier ursprünglich verbreiteten Laubwald zu roden. Die Bäume wurden vielmehr geringelt und so zum Absterben gebracht, das überirdisch gewachsene trockene Holz ver-feuert. Die licht gewordenen Flächen konnten danach für den Grabstockfeldbau genutzt werden. Und wieder verlassen wir eine waldfreie „Insel“ mit weiten Blicken in die Landschaft, tauchen ab in die Wälder des Süd-harzes, folgen der Beschilderung zur Untermühle bergab in ein weiteres Seitental der Wipper und queren erneut eine historische Grenze. Bis Bennungen südlich des Harzes durchqueren wir fortan die Grafschaft Stolberg (seit deren Teilung 1719 genauer die Grafschaften Stolberg-Roßla), ein Territorium des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Anders als die Grafschaft Mansfeld, die ihre Reichsun-mittelbarkeit schon 1580 verlor, blieb diese der Grafschaft Stolberg bis 1806 erhalten. Mit der Auflösung des Alten Reiches wurden die Stolberger Grafen Standesherren im Königreich Preußen. Wir gehen durch das liebliche Wiesental der Wolfsberger Wipper, durch den verträumten Ort Wolfsberg und von dort, am Schwimmbad vorbei, weiter am Rand des Schön-bergs solange nach Süden, bis uns die Schilder zum Richtungs-wechsel nach Osten auffordern. Wir lassen das Dorf Breitenbach links liegen, wenden uns wieder gen Süden und erreichen am Waldrand die Grenze des geplanten Biosphärenreservates „Karstland-schaft Südharz“.
 
 
 
Zur Königspfalz
 
Nachdem wir das ehemaligen Forsthaus Landgemeinde passierten, vereint sich unser Weg bald mit dem Karstwanderweg (www.karstwanderweg.de). Hier gibt es allerhand zu entdecken: Tippelborn, Dinsterbachschwinde, Haselbornschwinde (Geopark 12) und den eigentlichen Schatz des geplanten Biosphärenreservates: die naturnahen Rotbuchenwälder. Der Karstwanderweg führt uns durch das Auslaugungstal nach Westen, während das Wasser des Dinsterbaches im Untergrund verschwindet um unter dem Hohen Kopf der Nasse zuzustreben. Dort, wo der malerische Ort Questenberg liegt, erreichen auch wir das tiefer gelegene Durchbruchstal der Nasse – ein natürlicher Zugang von der Helmeniederung in den Südharz. Wir bewundern den farbenfrohen hölzernen Roland, erschaudern beim Anblick des Halseisens an der Kirchhofmauer und blicken hinauf zur Queste. Das dort jährlich zu Pfingsten begangene Questenfest hat seinen Ursprung wahrscheinlich in einem heidnischen Sonnenritual. Schon in der Bronzezeit nutzten Menschen die Kupfervorkommen der Region. Unser Weg tangiert Wickerode am Festplatz, dem früheren Hüttenstandort. Nun lassen wir den Harz hinter uns und richten den Blick gen Süden auf das Kyffhäuser Gebirge. Vor uns liegt die Goldene Aue, durch die die Helme sanft der Unstrut zufließt. Von Bennungen trennt uns nur noch die neue Autobahn A38, doch anders als im Nordharz, wurde an uns Wanderer gedacht! Westlich der L231 können wir auf einer schmalen Brücke die Autobahn überqueren. Eine Informationstafel erinnert daran, dass schon zu Zeiten der mittelalterlichen Kaiser und Könige in der Nähe eine wichtige Heerstraße verlief. Sie verband die Pfalz Nordhausen mit der in Wallhausen, wo der spätere Kaiser des Heiligen Römischen Reiches OTTO I. geboren wurde. Heute lädt Schloss Wallhausen Freunde moderner Kunst ein. Ein Abstecher auf dem Höhenweg (7 km) lohnt sich also! Am südlichen Rand von Bennungen queren wir die Helme. Hier befindet sich ein schöner Kinderspielplatz. Unsere letzte Etappe führt uns nun durch eine vielgestaltige Kulturlandschaft. Ziel ist die Königspfalz Tilleda (unser Titelbild: Kammertor der Königspfalz) über die Sie mehr erfahren können im Faltblatt „Zwischen Harz und Goldener Aue“ aus unserer Serie „Natur erleben an der Straße der Romanik“.
Durch Karstlandschaft und Goldene Aue ca. 5km
 
 
 
Seit 2003 ist der Regionalverband Harz Träger des Naturparks Harz/Sachsen-Anhalt und seit 2005 auch Träger des Naturparks Harz in Niedersachsen. Der Harz und seine Vorländer sind Teil des Geoparks Harz.Braunschweiger Land.Ostfalen, der als UNESCO-Geopark international anerkannt wurde (www.worldgeoparks.eu). Der Übersichtskarte können Sie die Lage des Gebietes und den Verlauf der bisher in der königsblauen Faltblattserie des Regionalverbands Harz beschriebenen Teile des Netzes der „Wege Deutscher Kaiser und Könige des Mittelalters im Harz“ entnehmen. Wir wünschen Ihnen interessante Erlebnisse und gute Erholung im Natur- und Geopark Harz!
 
 
Text und Fotos: Dr. Klaus George