Bodetal @Dr. Klaus George
Bodetal @Dr. Klaus George

Osterwieck

 

Kirche Sankt Johannis @ Dr. Klaus George

Mehr als 1.000 Jahre zuvor existierte an der wichtigen Handelsstraße zwischen Braunschweig und Halberstadt ein Ort namens Seligenstadt. Dieser verfügte schon im Jahr 974 über Münz- und Zollrecht. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist Seligenstadt gleichzusetzen mit der 1073 bezeugten Kaufmannssiedlung Ostrewic. Dort, wo heute die beiden Türme der Kirche St. Stephani über 50 m hoch in den Himmel ragen, befand sich wahrscheinlich schon Anfang des 9. Jh. das von Châlons-en-Champagne aus (Bischofssitz 150 km westlich von Paris) gegründete Missionsbistum für Ostsachsen. Letzteres war allerdings bald nach Halberstadt verlegt worden. 1215 ist für Osterwieck erstmals ein Rat bezeugt. Eine zweite Siedlung befand sich zu jener Zeit im Umfeld der Kirche St. Nikolai. Beide Städte wurden erst 1488 vereinigt und in eine gemeinsame Befestigung einbezogen. Zu der ist dann weiter bei SCHWINEKÖPER (1987) zu lesen: „Diese wies zuletzt drei Stadttore, das Kapellentor, das Schulzentor und das Neukirchentor auf und hatte 13 Türme (1872/73 letzte Reste entfernt). Obwohl sich der Hauptverkehr … seit dem 14 Jh. immer mehr auf den … Hessendamm und damit von Osterwieck weg verlagerte, wird aus der Vielzahl der … im späten Mittelalter erscheinenden Gilden ein reges gewerbliches Leben deutlich, wenn es auch sicher daneben noch recht viele Ackerbürger in der Stadt gab. Nach dem Hochwasser von 1495 und einem großen Brand von 1511 setzte noch einmal eine rege Bautätigkeit ein. Von den damals … errichteten zahlreichen Fachwerkbauten hat sich trotz eines weiteren Brandes von 1884 verhältnismäßig viel erhalten.“

 

Schon 1648 war die Stadt mit dem Fürstentum Halberstadt an Brandenburg gefallen. In Preußen war Osterwieck als Immedia- oder Kronstadt direkt dem König unterstellt. Hier befanden sich eine Leinwand- und eine Flanellmanufaktur, ab dem 19. Jh. auch Lederfabrikation (15 Handschuhfabriken im Jahr 1905), Zuckerfabrik, chemische Werke (u. a. Harzer Bleiweißfabrik, gegr. 1847 durch Eduard Heuäcker) und Druckereien, darunter die Druckerei Bernhard Angerstein (gegr. 1848; druckte u. a. das „Osterwiecker Volksblatt“). Von einem achtwöchigen, erfolgreichen Streik, an dem 500 Lederarbeiter beteiligt gewesen sein sollen, wird aus dem Jahr 1925 berichtet (GÖSCHEL 1985).

 

Während der Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg lag Osterwieck die längste Zeit im Grenzsperrgebiet der DDR; die Zahl der Einwohner sank bis 1990 auf 4.628 (6.378 im Jahr 1895 bzw. 6.081 im Jahr 1946). Nach eigenem Erleben war die Stadt mindestens seit 1988 wieder ohne Passierschein zu erreichen. Besonders das Waldhaus mit einem kleinen Haustiergarten am Südrand des Großen Fallstein wurde zum beliebten Naherholungsziel für Menschen aus den Kreisen Halberstadt, Quedlinburg und Wernigerode. Osterwieck selbst zieht wegen seiner Fachwerkhäuser aus den Stilepochen Gotik (bis 1521), dem Niedersächsischem Stil (bis 1584), der Renaissance (bis 1640) und dem Barock (bis 1780) Gäste aus Nah und Fern an. Am Markt, im ältesten Haus der Stadt befindet sich das Heimatmuseum. Als Souvenir kann dort Osterwiecker Ledergeld erworben werden.

 

Im Stadtbild wie auch in der Kirche St. Stephani ist vielfach ein Rosenwappen zu entdecken. Gespalten von Silber und Rot (den Farben des Bistums Halberstadt), darin eine gefüllte Rose in verwechselten Farben, wurde es seit dem 19. Jh. auch offiziell als Stadtwappen geführt. Die Rose (vermutlich die Lutherrose) soll an die Einführung der Reformation 1535 in Osterwieck erinnern. Der in den Jahren um den Augsburger Religionsfrieden fertiggestellte Neubau des Kirchenschiffs von St. Stephani ist eine der letzten spätgotischen Steinmetzkirchen und zugleich ein frühes Beispiel protestantischen Stadtkirchenbaus.

Ausflüge lohnen besonders in das 1.390 ha große FFH- und Vogelschutzgebiet Fallstein nördlich Osterwieck. Der an seinem höchsten Punkt 288 m über NHN aufragende salztektonische Breitsattel, ein Muschelkalkrücken, ist unterschiedlich stark mit Löß bedeckt. Erdfälle belegen das Phänomen des Kalkkarstes. Westlich des Großen Fallsteins erstreckt sich in Richtung Hornburg (Landkreis Wolfenbüttel) der Kleine Fallstein. Nördlich von Hoppenstedt fällt dort ein alter Steinbruch ins Auge. Er ist Geopunkt 2 im Gebiet um die Landmarke 14 der UNESCO-Geoparks. Aufgeschlossen sind Kalksteinschichten aus der Kreidezeit (144 - 66 Mio. Jahre), die sich vier verschiedenen Sedimentationseinheiten zuordnen lassen. Ein sehr empfehlenswerter Spaziergang führt vom Waldhaus vorbei am Bismarckturm zur Fallsteinklause. Wer sich zur rechten Zeit auf den Weg macht, wird ganz sicher mit blühenden Frühlings-Adonisröschen belohnt, bei guter Sicht auch mit einem traumhaften Ausblick auf den Hochharz mit dem Brocken.

Zur neuen Stadt Osterwieck gehören folgende weitere Ortschaften: Berßel, Bühne (mit Rimbeck und Hoppenstedt), die ehem. eigenständige Stadt Dardesheim mit ihrem weithin sichtbaren Windpark Druiberg, Deersheim, Hessen (einstmals zum Land Braunschweig gehörig), Lüttgenrode mit Stötterlingen, Osterode (einer von drei gleichnamigen Orten der Harzregion), Rhoden, Veltheim, Schauen, Rohrsheim, Wülperode mit Göddeckenrode und Suderode sowie Zilly mit Sonnenburg. Osterwieck mit dem Sitz der Stadtverwaltung (Rathaus) ist der zentrale Ort der Einheitsgemeinde Stadt Osterwieck im Landkreis Harz (Sachsen-Anhalt).

 

Weiterführende Literatur

 

Göschel, H. (1985): Lexikon Städte und Wappen der Deutschen Demokratischen Republik. 3. Aufl. Bibliographisches Institut Leipzig

 

Schwineköper, B. (Hrsg., 1987): Handbuch der historischen Stätten Deutschlands. Bd. 11. Provinz Sachsen / Anhalt. 2., überarbeitete und ergänzte Aufl. A. Körner Verlag Stuttgart

 

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