Bodetal @Dr. Klaus George
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Harzgerode

 

Von Dr. Klaus George 

Um es gleich vorwegzunehmen: Mit der Gründung der Einheitsgemeinde Harzgerode entstand im Jahr 2009 eine neue größere Kommune. Das Fürstentum Anhalt-Bernburg-Harzgerode jedoch wurde nicht wiederhergestellt! Zur Einheitsgemeinde Harzgerode gehören die Ortsteile Alexisbad, Dankerode, Güntersberge, Hänichen, Harzgerode, Königerode, Mägdesprung, Schielo, Silberhütte, Siptenfelde und Straßberg. Dagegen zur Erinnerung: Das Territorium des zwischen 1636 und 1709 existierenden Zwergstaats Anhalt-Bernburg-Harzgerode erstreckte sich während dessen maximaler Ausdehnung auf Teile des Ballenstedter Forstes, die gegen das Dorf Radisleben eingetauschte Herrschaft Plötzkau, das zugekaufte Stift Gernrode (mit Frose) sowie natürlich auf die beiden Harzämter Harzgerode und Güntersberge. Residenzstadt des Fürstentums war Harzgerode.

Ein Jahr nach Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Fürst FRIEDRICH VON ANHALT (1613-1670) brannte dessen kleine Residenzstadt auch noch vollständig nieder. Unter seiner Herrschaft wurde dann aber nicht nur Harzgerode wieder aufgebaut, sondern es entstanden als neue Siedlungen Mägdesprung (1646), Lindenberg (um 1650, seit 1952 zu Straßberg gehörig), Tilkerode (1662) und Siptenfelde (1663). Dem Fürst war es gelungen, privates Kapital für die Entwicklung der Wirtschaft seines kleinen Landes zu mobilisieren. Die Gründung Mägdesprungs steht so nicht zufällig im zeitlichen Zusammenhang zum Abschluss eines Vertrages zwischen dem Fürst und dem vermögenden Tuchhändler JOHANN HEIDFELD aus Quedlinburg über die Gründung der "Eisenhütte unter dem Mägdesprung", der späteren Mägdesprunger Eisenhüttenwerke AG.

Die Vollendung der neu gegründeten Siedlungen fällt allerdings in die Regierungszeit des einzigen Sohnes und Nachfolgers, Fürst WILHELM VON ANHALT (1643-1709). Der florierende Bergbau machte es möglich. 1690 hatte der Fürst die Gruben an eine private Gewerkschaft verpachtet. In kürzester Zeit wurden daraufhin beim Bergamt, das von 1694 bis 1854 seinen Sitz im Schloss Harzgerode hatte, Abbaurechte an 36 Erzgängen geltend gemacht (Mutungen eingelegt). Im heute gleichnamigen Ort im Selketal nahm 1692 die Silberhütte ihre Produktion auf. Doch so wie wir heute angesichts der globalen Finanz- und Wirtschaftkrise von einer "Blase" sprechen, trog der Schein auch an der Schwelle zum 18. Jh. im kleinen Fürstentum! Von Gier auf persönliche Bereicherung getrieben, erhoben die beiden Hauptmuter über drei Jahre lang von ihren Anteilseignern Zubußzeche für angeblich noch unrentable Gruben. Tatsächlich aber wurden 28 von diesen Gruben gar nicht bebaut. 1704 flog der Schwindel auf, die Schuldigen flohen und hinterließen Schulden von mehr als 300.000 Talern! Die Gruben fielen an das Fürstenhaus zurück und mussten aus der Staatskasse gestützt werden. 1709 wurde das kleine Land wieder mit Anhalt-Bernburg zu einem Fürstentum vereinigt. 

Harzgerode hatte bereits 1338 Stadtrecht erhalten. Schon die damaligen Siegel trugen Merkmale des bis zuletzt gültigen Stadtwappens: In Silber eine rote Burg mit offenem Tor und drei spitzbedachten Türmen, der größte belegt mit dem schräggestellten Schild der Askanier. Sie waren Schutzvögte des Klosters Nienburg an der Saale, das in Hagenrode (heute Alexisbad) ein Tochterkloster besaß. Als Vögte verstanden es die Fürsten von Anhalt, sich des Ortes Harzgerode zu bemächtigten. Bereits Ende des 13. Jh. ließen sie dort eine Burg erbauen und die Siedlung ummauern. Die weitere Geschichte der Stadt ist über Jahrhunderte fast identisch mit der von Güntersberge. Nach 1470 kam der Silberbergbau für mehrere Jahrzehnte zu großer Bedeutung und auch die Eisenproduktion wurde gesteigert. 1894 wurden die Anhaltinischen Blei- und Silberwerke an einen englischen Investor verkauft. Unrentabel geworden endete der Harzgeröder Bergbau um 1900. Die oben erwähnte Silberhütte ging 1909 in den Konkurs und wurde stillgelegt. Damit war aber keinesfalls das Ende des Industriestandortes besiegelt. Holz- und metallverarbeitende Wirtschaft (Sägewerk Rinkemühle, Druckguss- und Kolbenwerk Harzgerode, Gaskocherbau in Mägdesprung) bestimmten ebenso das Bild bis zur Wiedervereinigung Deutschlands, wie auch der VEB Pyrotechnik Silberhütte. Die heute zur Rheinmetall AG Düsseldorf gehörige Pyrotechnik Silberhütte GmbH produziert nicht mehr die legendären "Harzer Knaller", dafür Zündsätze für Airbags. Ein Zulieferer für den Fahrzeugbau ist auch die TRIMET Aluminium AG Essen, die in ihrer hochmodernen Druckgießerei am Standort Harzgerode 385 Menschen beschäftigt.

Anders als um Harzgerode, wurde bei Straßberg der Bergbau nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt. Bis 1990 wurden im dortigen Revier rund 1 Mio. t Flussspat gefördert. Der bedeutende Verband Deutscher Ingenieure wurde am 12. Mai 1856 in Alexisbad gegründet. 30 Jahre später fällt in das Jahr 1886 die Gründung der Gernrode-Harzgeroder Eisenbahn AG, die bereits 1887 die Strecke Gernrode-Mägdesprung als ersten Abschnitt des heute bei Touristen beliebten 140 km langen Netzes der Harzer Schmalspurbahnen in Betrieb nahm. Zunächst im Frühjahr 1946 für Reparationsleistungen an die Sowjetunion weitgehend demontiert, begann wegen der Erschließungsfunktion für den Flussspatbergbau bei Straßberg schon im Herbst desselben Jahres der Wiederaufbau der Selketalbahn bis zum Bahnhof Lindenberg. Mit dem Bergbau im engen Zusammenhang steht auch die Entstehung eines umfangreichen Teich- und Grabensystems. Viele der Teiche wie der Teufelsteich bei Harzgerode, der Fürstenteich oberhalb von Silberhütte, Maliniusteich, Frankenteich, Kiliansteiche und Gräfingründerteich bei Straßberg prägen bis heute das Bild des Naturparks Harz und sind interessante Wanderziele. Teilweise bereits aus der Zeit Anfang des 17. Jh. urkundlich erwähnt, gehören sie zu den ältesten Talsperren der Welt.

Von der bedeutenden Industriegeschichte der heutigen Einheitsgemeinde Harzgerode künden Denkmäler und touristisch gut erschlossene frühere Produktionsstätten. Besonders erwähnt seien hier das Schaubergwerk Grube Glasebach in Straßberg (www.strassberg-harz.de) und das Carlswerk in Mägdesprung, eine zweigeschossige Werkhalle des ehemaligen Eisenhüttenwerkes mit der Originaleinrichtung einer Maschinenfabrik. Sie gehören - wie auch der Unterharzer Waldhof Silberhütte - zur großen Zahl der besuchenswerten Geopunkte des Geoparks Harz . Braunschweiger Land . Ostfalen. Der Waldhof, der unter anderem die vielfältigen Verflechtungen der Forst- und Holzwirtschaft mit der Montanindustrie zeigt, ist jederzeit frei zugänglich und eine besondere Empfehlung für Eltern oder Großeltern, die den Harz mit Kindern bzw. Enkelkindern bereisen (vielfältige Spielgelegenheiten und Entdeckungsmöglichkeiten). Nicht versäumen sollte man auch einen Besuch im Schloss Harzgerode (Heimatstube, Festsaal mit Parkettfußboden aus 18 Harzer Holzarten). Weitere Informationen unter www.harzgerode.de oder in den Faltblättern der Serien "Natur erleben am Weg Deutscher Kaiser und Könige", "Natur erleben an der Straße der Romanik", "Natur erleben an den Harzer Schmalspurbahnen" oder in den Faltblättern zu den Landmarken 10 und 15 des Geoparks. 

Weiterführende Literatur: 

GEORGE, K.; U. HEROLD &. C. LINKE (2008): Landmarke 15 Schloss Ballenstedt - Unteres Selketal. 5. Auflage. Regionalverband Harz, Quedlinburg.

GEORGE, K. (2009): 470 oder 517 Jahre Stadt Güntersberge. Der Harz, Heft 7/2009: 10-11.

GÖSCHEL, H. (Hrsg., 1985): Lexikon Städte und Wappen der Deutschen Demokratischen Republik. 3. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig.

LIEßMANN, W. (1992): Historischer Bergbau im Harz. Verlag Sven von Loga, Köln.

MÜLLER, K. (2006): Geschichte des Kreises Ballenstedt. Hrsg.: Kulturverein Wilhelm von Kügelgen Ballenstedt. Convent-Verlag, Quedlinburg.

OELKE , E. (1973): Der Bergbau im ehemals anhaltinischen Harz. Hercynia N. F. 7: 77-95.

SCHWINEKÖPER, B. (1987): Handbuch der historischen Stätten Deutschlands. Bd. 11: Provinz Sachsen/ Anhalt. 2. Auflage. Alfred Körner Verlag, Stuttgart.

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