Wo sind die Vögel geblieben?
Es ist eine der am häufigsten gestellten Fragen, die Dr. Klaus George als Leiter des Natur- und Geoparks Harz in diesen Tagen beantworten muss. Meist sind es Menschen, die in den Orten des Vorharzes wohnen, die wie in jedem Winter ein Futterhäuschen aufgebaut haben, und die sich nun wundern, dass ihre gefiederten Freunde ausbleiben. Eine einfache Antwort auf die Frage gibt es nicht. Zum einen sind die fakultativen Kurzstreckenzieher witterungsbedingt in südliche Regionen abgewandert. Zu ihnen gehört insbesondere der Grünfink, der bis in die Mittelmeerregion ziehen kann. Beklagt wird aber insbesondere das Ausbleiben von Kohl- und Blaumeisen, die sonst häufig und gern die fettreichen Sonnenblumenkerne oder Nüsse in den Futterhäusern fressen. Sie hatten sich schon im letzten Winter rar gemacht, was dazu führte, dass Überbestände von Vogelfutter im Frühjahr in den Discountmärkten „im Angebot war“, oder besser gesagt verramscht werden musste. In diesem Winter sind nun nur noch die Meisen in den Städten und Dörfern, die dort auch in Gärten und Parks gebrütet haben bzw. erbrütet worden sind. Und das sind nicht viele, der Brutbestand vieler Singvogelarten war im letzten Sommer außergewöhnlich niedrig. Dr. Klaus George, der als Ornithologe selbst seit Jahrzehnten Brutvogelbestände kontrolliert, nennt Zahlen: Die Brutbestände der Kohl- und Blaumeisen lagen 2009 ein Viertel unter dem langjährigen Mittel. Viele Nistkästen waren unbewohnt geblieben. Die Brutbestände von Kleiber und Buchfink lagen sogar ein ganzes Drittel unter dem normalen Wert! Ornithologen in anderen Teilen Europas machten ähnliche Feststellungen. Eine Antwort auf die Frage liegt damit auf der Hand: Weniger Brutpaare bedeuten weniger Jungvögel. Nur wenn viele Jungvögel flügge werden, entsteht der so genannte Gedrängeeffekt, der bei den ansonsten standorttreuen Meisen Zugbewegungen größeren Umfangs auslöst. Solche Zugbewegungen verlaufen in Mitteleuropa bevorzugt in südwestliche Richtung bzw. in Gebirgsregionen von den höheren Lagen in die Täler und an den tiefer gelegenen Gebirgsrand. Es sind deshalb keine Meisen aus Nordeuropa oder dem Baltikum in die Harzregion eingewandert. Auch aus den mittleren Lagen des Harzes, wo es besonders viele Laubwälder gibt, wandern die Meisen in diesem Winter nicht ab. Ursächlich ist hierfür eine Buchenmast, d. h. das sehr starke Fruchten der Rotbuchen. Meisen fressen die nährstoffreichen Bucheckern und leiden trotz Schnee keine Not. Sie bleiben deshalb nicht nur im Harz in der Nähe ihrer Brutreviere, sondern auch in den Buchenwäldern von Huy, Fallstein, Harly, Rotenberg, Hainleite oder Kyffhäuser.
Zu unserem Bild: Kleiber (Foto:George)
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